Nadine Jacobi

Gurkengate in Gütersloh

„Wegen so einer Kleinigkeit werden Sie doch jetzt keinen Aufstand machen.“ Compliance Officer kennen diese Aussage, so oder so ähnlich, zu Genüge. Doch wie klein oder auch groß dürfen Geschenke im Geschäftsleben sein? Antwort: Für einen Eklat reichen eingelegte Salatgurken – wie im Fall Tönnies.

Sven-Georg Adenauer ist der Enkel des Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Er ist Landrat des Kreises Gütersloh. Zu den Aufgaben des Landrats gehört es auch, in Zeiten einer Pandemie rechtzeitig über einen Produktionsstopp zu entscheiden, wenn in Betrieben im Kreis Gütersloh das Corona-Virus wütet. Aber dazu später mehr.

Alles begann mit Tante Dadda

Seit dem vergangenen Jahr ist Sven-Georg Adenauer zudem Kleinunternehmer. Der Grund dafür ist seine schwedische Urgroßtante Dadda. Sie servierte immer selbstgemachten Gurken-Salat, wenn der kleine Sven-Georg seine Ferien an der schwedischen Ostküste verbrachte. Sie mischte feingeschnittene Salatgurken derart geschickt mit Senfkörnern, Kräutern, Zucker, Essig und viel Salz, dass er diesen Geschmack nie mehr vergaß.

Kein Gurken-Salat schmeckte später wie der aus seiner geliebten Erinnerung. Also beschloss er, Tante Daddas Rezept zu einem Produkt zu machen: „Adenauers Gourmet-Gurken“ waren geboren.

Was sind schon 15 Gläser Gurken?

Sven-Georg Adenauer hat 15 Gläser seiner Gourmet-Gurken an die Ehefrau des größten deutschen Fleischproduzenten und Milliardär Clemens Tönnies verschenkt. Die wollte die vegetarische Kost im Werkverkauf des Schlachtbetriebs anbieten. Kurz darauf tauchten die Gurken in einer Werbeanzeige von Tönnies auf.

Sie glauben, das wäre eine lächerliche Kleinigkeit, wegen der doch nun wirklich niemand einen Aufstand macht? Eine Geschichte nach der kein Schwein, ups, Hahn kräht? Nun ja, milde formuliert, eine Kleinigkeit, von der zuerst das Nachrichten-Magazin „Der Spiegel“ berichtet (Ausgabe 27/2020 „Das Schweinesystem“) und Fragen aufwirft, auch unangenehme. Fragen beispielsweise zu den Zuständen im Tönnies Betrieb und zu Sven-Georg Adenauer:

  • „Sind die Probleme neu für ihn?“
  • „Ist er wirklich so blauäugig?“
  • „Hinterher ist man immer schlauer. Hätte er es vorher schon sein können, wenn er Tönnies nicht so nahegestanden hätte?“

Gurkengate in Gütersloh

Nun steht es schlecht um den Ruf der Gurken, äh, des Politikers. Der Spiegel: „Der Landrat weiß, dass er unter Beobachtung steht, seine Integrität ist gefährdet.“ Inzwischen hat er Tönnies darum gebeten, seine Gurken aus dem Regal zu entfernen. Was dennoch bleibt: Seine Integrität ist durch dieses Gurkengate nachhaltig beschädigt. Daran ändert auch seine Beteuerung nichts, dass in dieser Gurkentruppe weder Geld geflossen sei noch ein Vertrag bestehe. Bitte entschuldigen Sie, aber diese Formulierung als Schnittmenge zwischen der Welt des Fußballs, der Politik und der Kürbisgewächse konnte ich mir einfach nicht verkneifen.

Kleinigkeit mit großem Geschmäckle

Es spielt keine Rolle, ob bei dieser pikanten Angelegenheit mehr dahintersteckte als der Landrat nun versichert. Ich bin sicher, dass bei diesem Gegurke auch fünf Gläser ausgereicht hätten, um für Aufruhr zu sorgen. So oder so wäre diese unglückliche Kooperation von der Presse genutzt worden, um berechtigte Fragen zur Integrität nicht nur von Clemens Tönnies, sondern auch von Sven-Georg Adenauer aufzuwerfen. Aktuell gehört der Fall Tönnies zu den „good selling stories“, die auf großes Interesse einer breiten Leserschaft treffen. So verkauft sich in diesem Zusammenhang auch eine Kleinigkeit mit Geschmäckle entsprechend gut.

Compliance Officer kennen sich im Zweifel auch mit Gurken aus

Sollten wir die Wertgrenzen von Geschäfts-Präsenten daraufhin noch einmal justieren? Eine Grenze von wieviel Euro auch immer hätte in diesem Fall nicht geholfen. Vielmehr geht es um simplen Menschenverstand. Die Frage muss immer lauten: Wie würde ich mich fühlen, wenn es morgen in der Zeitung steht?

Sollten sich Gefühle des Unbehagens regen, kann dies ein erster wichtiger Hinweis sein, das Geschenk besser sein zu lassen. So oder so lautet die Devise: Zu Risiken und möglichen Nebenwirkungen fragen Sie am besten Ihren Compliance Officer. Der kennt sich aus – wenn es sein muss sogar mit Gourmet-Gurken. Damit Sie’s nicht vergurken.

Bis nächste Woche. Bleiben Sie bis dahin gesund und compliant!