Nadine Jacobi

Der große Bluff

 „Jetzt lassen Sie mal die Kirche im Dorf“, „Machen Sie mal ‘n Punkt“ und „Sie müssen das pragmatisch sehen“. Sprüche wie diese hören Compliance Officer öfter als alle anderen. Sie sind ärgerlich, nervig und sollen die sachliche Diskussion abwürgen – ich nenne sie „pragmatisch gepunktete Kirchen“ – oder kurz „pgK“-Spruch.

Meine „pgK“ zum Thema Vertrauen vor drei Wochen haben bei einigen Leserinnen und Lesern Erinnerungen wachgerufen. Ich habe Rückmeldungen mit Beispielen enthalten, wieviel ungeprüftes Vertrauen Führungskräfte an den Tag legen, wenn es um ihre Kunden und Geschäftspartner geht.

Ein Vertrauensvorschuss der besonderen Art entsteht immer dann, wenn Kollegen plötzlich zu selbsternannten Risiko-Managern werden. Sie schätzen die Lage kurzerhand selbst ein. Meine Sherlock Holmes Vermutung: Argumentationen, die sie bereits früher von Compliance-Experten hörten, werden aus dem Zusammenhang gerissen und kurzerhand in die aktuelle Situation gepresst.

Ob die Kollegen von ihrer Argumentation selbst überzeugt sind oder die aufgeschnappten Teil-Zusammenhänge nur aus taktischen Gründen einsetzen, ist dabei irrelevant. Interessant ist vielmehr die Wirkung, die dadurch erzielt werden soll: Mit Formulierungen aus der Compliance-Welt, so die Überzeugung, schlägt man den Compliance Officer mit seinen eigenen Waffen! Natürlich ist das nichts anderes als ein großer Bluff. Daraus entstehen pgK’s wie diese:

„Das Geschäft kann nicht risikoreich sein, da andere bekannte Unternehmen involviert sind.“

Unsere Antwort kann darauf nur lauten:

„Die Einbindung großer oder bekannter Marktteilnehmer in eine Transaktion lässt keine Rückschlüsse auf das damit verbundene Risiko zu – weder über das betriebswirtschaftliche Risiko noch über das Betrugs-Risiko. Ich kann gerne Beispiele nennen: Siemens, Bernard Madoff, VW, etc.

 Auch folgende Aussage ist wahrscheinlich aus dem Kontext gerissen worden; Das kümmert den Kollegen allerdings wenig, wenn er folgende messerscharfe Analyse zum Besten gibt:

„In diesem Fall ist ein Betrug unwahrscheinlich, weil es zu viele Beteiligte gibt.“

 Auch zu dieser pgK kam die Inspiration aus einer früheren Unterredung mit einem Mitarbeiter der Compliance- oder Rechtsabteilung. Hier kann es angebracht sein, unsere Erwiderung mit einer kurzen Erläuterung einzuleiten:

 „Aus Sicht von Tätern ist es immer sinnvoll, die Zahl der Beteiligten bei einem Betrug möglichst klein zu halten. Allerdings – es gibt weder eine Obergrenze noch ein Standardvorgehen. Bei dem Anlagebetrug der Frankfurter Immobilienfirma S&K wurde gegen 140 Verdächtige ermittelt, darunter viele Gutachter, Notare, Anwälte und Steuerberater.“

 Ein besonders schönes Beispiel unter den Zuschriften war auch diese pgK:

„In diesem Unternehmen verdienen die Mitarbeiter so viel, dass eine Handlung zum persönlichen Vorteil unwahrscheinlich ist.“

 Was unseren Hobby-Psychologen zu dieser Erkenntnis gebracht hat, vermag ich nicht zu erklären. Aber dies ist ja auch nicht Sinn und Zweck meines Blogs – sehr wohl aber, eine mögliche Antwort vorzuschlagen, die in etwas so klingen könnte:

 „Es sind oft die die besser verdienenden und langjährigen Mitarbeiter mit Entscheidungsspielraum, die kriminelle Handlungen begehen. Sie kennen die Prozesslücken und wissen diese für sich zu nutzen. Häufig sind sie davon überzeugt, dass sie für ihre so wertvolle Arbeitsleistung nicht adäquat entlohnt werden. Ihnen steht einfach mehr zu. Und schon haben wir ein Motiv. Oft ist es einfach auch Gier, die solche Mitarbeiter zu einer Straftat treibt – der evtl. vorhandene Wohlstand ist dabei kein Hinderungsgrund.“

 Zu den fahrlässigsten Verhaltensweisen gehört es, den gleichen Fehler ein zweites Mal zu machen – wie zum Beispiel zum wiederholten Mal eine entlastende Behauptung ohne jegliche Grundlage zu tätigen. So wie jener Kollege, der mit der folgenden pgK zitiert wird:

„Ich hätte nicht gedacht, dass unser Dienstleister Steuern hinterziehen würde – aber Schlimmeres macht er bestimmt nicht.“

 Tja, vor wenigen Tagen hätten er und andere bestimmt etwas ähnliches über Wirecard gesagt. Trotz zunehmend kritischer Berichterstattung seit Jahresbeginn ahnten wohl nur wenige, dass Wirecard Insolvenz anmelden würde. Hinzu kommen strafrechtliche Untersuchungen und deutliche Kritik an Wirtschaftsprüfern und Aufsichtsbehörden. Irgendjemand bei Wirecard gaukelte ein Guthaben von rund 1,9 Milliarden Euro auf den philippinischen Konten vor. „So etwas macht der Vorstand bestimmt nicht“, wäre die Antwort unseres Kollegen gewesen. Daher folgender Vorschlag:

 „Wir sollten uns bei der Einschätzung eines Risikos nicht auf unser Bauchgefühl verlassen. Tatsache ist, dass Sie dem Dienstleister eine Steuerhinterziehung nicht zugetraut hätten und ihn damit falsch eingeschätzt haben. Was veranlasst Sie nun zu dazu, ihn erneut auf der gleichen Grundlage einzuschätzen und damit das Risiko auf sich zu nehmen, weiterhin mit ihm zu arbeiten?“

Bis nächste Woche. Auch dann geht es um Sprüche aus der Welt der pragmatisch gepunkteten Kirche. Bleiben Sie bis dahin gesund und compliant!