Nadine Jacobi

Lang lebe das Breitmaul-Nashorn!

„Jetzt lassen Sie mal die Kirche im Dorf“, „Machen Sie mal ‘n Punkt“ und „Sie müssen das pragmatisch sehen“. Sprüche wie diese hören Compliance Officer öfter als alle anderen. Sie sind ärgerlich, nervig und sollen die sachliche Diskussion abwürgen – ich nenne sie „pragmatisch gepunktete Kirchen“ – oder kurz „pgK“-Spruch.

Sie hatten Spaß an den pgK-Sprüchen, die Compliance Officer immer besser kontern? Damit ist jetzt Schluss. Dies ist der letzte Teil der Serie – und wie vergangene Woche angekündigt, geht es heute darum, warum ich pgK‘s trotz der Kontroversen dennoch für wichtig halte.

Sie kennen das: Kommt Kritik auf, fühlen wir uns im ersten Moment auch persönlich angegriffen. Das liegt natürlich auch daran, wie die Kritik vorgetragen wird: Wertschätzend oder brüskierend? Wenn sich das Gegenüber aber nicht darauf einlassen kann oder will, den Wert zu sehen, dann entsteht auch keine entsprechende Kritik – und das ist leider meistens so.

Breitmaul- Nashörner und Streitkultur

Konstruktiver Streit im Berufsalltag ist so selten geworden wie das freilebende Nördliche Breitmaul-Nashorn in Afrika; die verbliebenen drei Exemplare sind laut einer Meldung von Spiegel online zu alt für eine natürliche Fortpflanzung.

Dennoch: Wir können mehr als lediglich den Niedergang der positiven Streitkultur zu bedauern. Wir verstehen, dass ohne Kontroverse nichts Neues entstehen kann. Nicht das Beste als Essenz aus der Kontroverse umgesetzt werden kann.

Folgen Sie dem Rauch

Meine Empfehlung: Denken Sie an das alte Sprichwort „Wo Rauch ist, ist auch Feuer.“ Wenn ich eine pgK in einer Gesprächssituation erkannt und deeskalierend kommentiert habe, nehme ich die Kernaussage ja mit. Später spreche ich den pgK-Kollegen wieder darauf an. Ich schaffe eine neue Gesprächssituation. Ganz in Ruhe. Und frage nach seinen Beweggründen. Denn oftmals verbergen sich hinter den Sprüchen – hinter dem Rauch –  Sachverhalte, die gemeinsam lösbar sind. Daraus kann ein Austausch entstehen, der womöglich sogar in einen Streit mündet – aber in einen konstruktiven.

Mein Beispiel aus der Praxis

Ein Außendienstmitarbeiter berichtet Ihnen, dass ein lukrativer Auftrag vor dem Abschluss steht. Mehrere Monate lang hat er mit dem Kunden aus Osteuropa verhandelt und jetzt ist es endlich soweit. Da ist nur noch diese klitzekleine Kleinigkeit. Er druckst an dieser Stelle etwas herum: „Hmm, ja, also es hat sich herausgestellt, dass der Chauffeur des Kunden nicht nur als Übersetzer fungiert. Er verlangt zudem als angeblicher Vermittler eine Provision. Dies hat er beim finalen Gespräch dem Außendienstmitarbeiter mitgeteilt – so ganz am Rande… und auf Deutsch.“

Als Compliance Officer hinterfragen Sie den Anspruch des Chauffeurs, äh Übersetzers, äh nein, des Agenten. Sie schlagen vor, den Kunden zu fragen, ob er von dieser Forderung wisse. Der Außendienstmitarbeiter bekommt hektische Flecken und formuliert wild gestikulierend folgende pgK:

 „Danach können wir den Kunden nicht ernsthaft fragen, damit machen wir uns doch lächerlich! Dann zahlen wir halt die Provision und gut ist.“

Sie aber bestehen auf Klärung dieses überraschenden Begehrens. Sie sehen zum einen das potenzielle Risiko, dass der Kunde und Chauffeur kollusiv zusammenwirken, um einen persönlichen Vorteil zu erlangen. Zum anderen könnte der Chauffeur/Übersetzer/ Agent die Sprachbarriere des Kunden für sich genutzt haben, um für sich selber etwas von dem lukrativen Geschäft abzuzweigen.

Der Kunde wird also gefragt. Dieser antwortet sehr zügig: Er hatte keinerlei Kenntnis von diesem Ansinnen. Seine Geschäftsbeziehung zu dieser Person hat er umgehend beendet. Zudem bedankt er sich für diese Information (!).

Ergebnis: Sie haben Ihrem Unternehmen einen fünfstelligen Betrag erspart. Mit dem dankbaren Kunden wird der Vertrag abgeschlossen. Auch der Außendienstmitarbeiter ist zufrieden.

Das Eis ist gebrochen

Später, bei einem Glas Wein, erzählt er, dass er einfach große Angst hatte, dass der Auftrag durch die Nachfrage platzen könnte und dann mehrere Monate Arbeit umsonst gewesen wären. Eine offene und ehrliche Schilderung der persönlichen Sicht, ohne Vorwurf – auch dies gehört zu einer guten Kommunikationskultur. Es entsteht das gute Gefühl, sich ausgesprochen und ein besseres Verständnis für den Gesprächspartner und seine Situation zu haben. Auf eine pgK können die beiden beim nächsten Mal gut verzichten.

Ich bin sicher, dass jede pgK es Wert ist, diskutiert zu werden. Bleibt die Kirche sprichwörtlich im Dorf, Entschuldigung, im Büro, besteht die Gefahr, dass sie zwischen Compliance und Fachbereich stehen bleibt – zum Nachteil aller Beteiligten.

Fazit: Schauen Sie hinter die Kirche, sprechen, diskutieren, streiten Sie mit den Kollegen – positiv, konstruktiv und wertschätzend, und dann räumen Sie gemeinsam die Kirche aus dem Weg. Ganz pragmatisch. Punkt.

Und das Breitmaul-Nashorn der Unternehmens-Kultur hat eine echte Chance zu überleben!

Bleiben Sie gesund und compliant. Bis zum nächsten Mal!