Nadine Jacobi

Unter die Haut: Wie Compliance-Officer ticken (sollten)

„Compliance-Officer dürfen nicht geliebt werden wollen. Sie müssen wissen: Kaum einer mag sie. Nicht einmal der Vorstand. Aus Sicht des Vorstandes sind Compliance-Officer Spaßbremsen, die mit Regelwerken nerven und Untergangs-Szenarien kreieren. … Trotzdem ist der CEO gezwungen auf sie zu hören, weil sie sich zu einem Fehler-Seismographen entwickelt haben.“

Kaum einer hat das Persönlichkeitsprofil des Compliance-Officers aus meiner Sicht besser beschrieben als Professor Dr. phil. Jens Weidner, Professor für Kriminologie und Sozialisationstheorie an der Fakultät Wirtschaft und Soziales der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, in der Zeitschrift Compliance Manager.

Welche Eigenschaften und Fähigkeiten brauchen gute Compliance-Manager also? Vergessen wir zunächst, dass sie Kenntnisse über die einschlägigen Strafgesetze im Bereich der Wirtschaftskriminalität haben und kontinuierlich die aktuelle Rechtsprechung und Fachliteratur lesen – das sind Grundvoraussetzungen und damit eine Selbstverständlichkeit.

Hier ist meine persönliche Top 10-Liste des idealen Compliance-Officer-Profils:

Wir sind

  • analytisch
  • überzeugend, im besten Fall dabei durchsetzungsstark
  • emphatisch
  • sympathisch
  • ausdauernd und dabei geduldig
  • nicht konfliktvermeidend
  • interessiert und lernbereit
  • resilient und in uns ruhend
  • Und vor allem: fähig, Bestätigung aus uns selbst und der hohen Verantwortung zu ziehen

Nun gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens: Sie sind gespannt und möchten mehr darüber wissen, warum ich diese Eigenschaften für so wichtig halte. Dann – vorausgesetzt, Sie sind im Compliance-Bereich tätig – sollten Sie weiter an Ihren Fähigkeiten arbeiten, denn zweitens müssten Sie gemerkt haben, dass dies nur neun der angekündigten zehn Eigenschaften sind.

Konflikte sind vorprogrammiert

Doch zunächst zu den „Top 9“: Als Compliance Officer schauen wir hinter die Kulissen eines Unternehmens und sehen Dinge, von denen außer dem Vorstand kaum jemand erfährt. Dabei arbeiten Sie Seite an Seite mit dem Top-Management, das auf Ihren Rat und Ihre Expertise vertraut. Das klingt zunächst wundervoll, hat aber auch deutliche Schattenseiten. Denn Compliance ist insbesondere in Unternehmen, die sich zum ersten Mal mit dem Thema befassen, nicht gerade beliebt – um es vorsichtig auszudrücken. Das Umsetzen von Compliance-Maßnahmen führt fast immer zur Veränderung im Geschäftsgebaren und in der Unternehmenskultur. Konflikte sind deshalb vorprogrammiert.

Die Kirche im Dorf

Ein Compliance Officer sollte daher auf Widerstand vorbereitet sein. Die Gegenwehr bezieht sich dabei regelmäßig auf die Maßnahmen und oftmals auch auf die eigene Person. Diskussionen finden in der Folge häufig auf der emotionalen Ebene statt, denn auf der sachlich-fachlichen Ebene hat man Ihnen wenig entgegenzusetzen. Äußerungen wie „die Anderen tun es doch auch“, „das sind ja staatsanwaltliche Methoden“ oder „lassen Sie doch mal die Kirche im Dorf“ werden Ihnen das ein oder andere Mal begegnen.

Manchmal hilft es in solchen Momenten, schlagfertig zu reagieren und mit dem passenden Spruch zu kontern: So könnten Sie beispielsweise auf den Kommentar Ihres Lieblings-Vertrieblers „die Anderen tun es doch auch“ antworten: Nur weil alle bei Aldi klauen, ist es deswegen trotzdem nicht zulässig“. Stille!

Die „alte Macht“ fühlt sich provoziert

Aber mit einem saloppen Spruch ist es langfristig natürlich nicht getan. Es ist daher wichtig, bereits am ersten Arbeitstag damit zu beginnen, mögliche Gegenspieler und ihre Argumente zu erkennen und daran zu arbeiten, dass aus anfänglichem leichtem Unwillen kein mächtiger Widerstand wird.

Warum? Auch hier passt ein Zitat von Prof. Weidner: „Die alte ‚Macht‘ fühlt sich durch die neuen Compliance-Mitspieler herausgefordert, zum Teil sogar provoziert, weil Compliance einen zwingt vernünftig, nicht lustvoll zu agieren – und einfach die sehr teuren Champions-League Business Plätze als Geschenk anzunehmen.“

Ergibt meine Liste damit Sinn? Dann kommen wir zu Punkt 10, der genau genommen auf Platz 1 des Rankings stehen sollte: Seien Sie kommunikativ! Warum dies so wichtig ist erfahren Sie in der kommenden Woche. Bleiben Sie bis dahin gesund und compliant!